Chaos und Ordnung

Videospiele machen Spaß! Sie lassen uns fantastische Geschichten aus neuen Blickwinkeln erleben, bringen uns zum Nachdenken, fordern uns heraus und treiben uns gleichzeitig zur Weißglut. Was uns jedoch letztendlich dazu motiviert, den Controller in die Hand zu nehmen, lässt sich abschließend kaum klären. Dennoch gibt es einige grundlegende Prinzipien, die Spiele motivierend machen. Eines davon ist das Wechselspiel von Chaos und Ordnung.

Kaum jemand räumt gerne auf. Gleichzeitig würde aber auch niemand allzu leichtfertig abstreiten, dass es äußerst entspannend sein kann, aufzuräumen. Wo zuvor Chaos herrschte, stellt der Mensch beim Aufräumen Ordnung her. Weil das, zumindest im Nachhinein, ein äußerst befriedigendes Gefühl hinterlässt, machen sich dieses Prinzip auch viele Spieledesigner zu Nutze. So bewirft etwa Tetris den Spieler mit einer Vielzahl in zufälliger Reihenfolge erscheinender Blöcke, die dieser brav in Reih und Glied anordnen muss. Hat er die Blöcke besonders platzsparend verstaut, wird er dadurch belohnt, dass sie verschwinden und er hat wieder mehr Platz für neue Blöcke. Tetris belohnt effizientes Aufräumen mit einer höheren Punktezahl, das Spiel verachtet die Unordnung und bestraft sie früher oder später mit dem unausweichlichen Game Over. Viele Puzzlespiele funktionieren grundsätzlich nach ähnlichen Prinzipien – in Minesweeper räumt der Spieler ein imaginäres Minenfeld, in Solitär bringt er Ordnung in gemischte Karten.

Stützpunkte erobern, Karten aufdecken

Nicht nur Puzzlespiele profitieren vom Ordnungsdrang ihrer Spieler. Es sind darüber hinaus vor allem die optionalen Aufgaben in typischen Open-World-Titeln, die immer wieder dazu motivieren, aufzuräumen. Wer in den Assassin’s-Creed-Spielen einmal damit begonnen hat, die Spielwelt von Feinden zu säubern, kann so schnell nicht mehr damit aufhören. Ein oder zwei befreite Stützpunkte auf einer Karte, die ansonsten von Gegnern dominiert wird, sind vielen Spielern ein Dorn im Auge und sie schaffen es erst, sich in aller Ruhe der eigentlichen Story-Kampagne zu widmen, wenn jeder Aussichtsturm erklommen und jede Feindbasis eingenommen wurde. In Far Cry 3 und seinem Standalone-Add-on Blood Dragon beschäftigte ich mich stundenlang mit der Eroberung der gegnerischen Stützpunkte bevor ich auf einer vermeintlich „ordentlichen“ Karte der Geschichte nachging. Der Zustand der Dominanz des Computergegners wird dabei automatisch als Unordnung identifiziert, die eigene Kontrolle über die Spielwelt als Zustand der Ordnung. Ein ähnliches Prinzip motiviert in klassischen Strategiespielen dazu, zunächst möglichst viel von der Karte aufzudecken. Wissen ist schließlich Macht und Macht bedeutet bessere Kontrolle über den Gegner und bessere Kontrolle über den Gegner bedeutet Ordnung – wer ein Spiel im Griff hat, fühlt sich, als spiele nicht mehr er nach den Regeln des Programms, sondern umgekehrt.

Städte bauen, Städte zerstören

Noch viel eindringlicher an den Ordnungssinn des Spielers appellieren Aufbaustrategiespiele. Die Anno- oder SimCity-Titel sind so etwas wie der spielgewordene Traum eines Neurotikers. Feinsäuberlich entwerfen Spieler Städte, ziehen Straßen, klügeln Wirtschaftskreisläufe aus und blicken nach einigen Stunden mit der inneren Zufriedenheit eines Modelleisenbahnfans auf ihr Werk. Spannenderweise kommt gerade an dieser Stelle ein interessanter Effekt ins Spiel: Die Lust an der bewussten Unordnung. Für mich ist der Online-Zwang des aktuellen SimCity-Ablegers vor allem deshalb ein großes Problem, weil es mir nicht mehr möglich ist, eine Stadt abzuspeichern und damit herumzuexperimentieren. In früheren Titeln der Reihe hatte ich nämlich große Freude daran, meine mühevoll aufgebaute Stadt mit diversen Naturkatastrophen dem Erdboden gleichzumachen. Wie beim Domino machte es unheimlichen Spaß, zu sehen, wie ein zuvor sorgsam aufgebauter Gebäudekomplex nach und nach in Flammen aufging, wie meine Feuerwehr nicht mehr ausrücken konnte, weil ein Erdbeben sämtliche Wachen zerstört hatte und wie ein Monster meine Freizeitparks platt stampfte. Dabei wird deutlich: Es ist nicht immer nur die schiere Ordnung, die fasziniert – Chaos kann in Spielen gleichermaßen attraktiv wirken.

Dungeon durchsuchen, Stadt besuchen

In kaum einem Genre wird dieses Wechselspiel aus Chaos und Ordnung so deutlich wie in Rollenspielen. Allzu oft basieren diese auf einem ständigen Kreislauf aus Städten, Oberwelt und Dungeons. Städte sind dabei ein Hort der Ordnung. In ihnen können Spielerfiguren normalerweise nicht angegriffen werden, es gibt diverse Läden, in denen nicht mehr benötigte Gegenstände verkauft werden können und reichlich Gelegenheiten, Wunden und Krankheiten zu heilen. Wer in einem Rollenspiel eine Stadt besucht, schafft Ordnung in seinem Inventar, mistet aus und bringt seine Charaktere wieder auf Vordermann. Dagegen sind Oberwelt und Dungeons Orte des Chaos. Hier wird gekämpft und gestorben, hier stopfen sich Spieler die Taschen voll, nehmen mit, was sie tragen können. Bis heute hat sich an diesem Prinzip wenig geändert – es funktioniert im ersten Final Fantasy genauso wie im neuesten Elder-Scrolls-Spiel Skyrim. Kein Wunder, denn der Wechsel zwischen ordentlichen und chaotischen Passagen bietet Abwechslung und gibt Spielern das Gefühl, sie würden ständig etwas Neues erleben. Dass sich der Kreislauf aus Erholen, Entdecken und Erobern ständig wiederholt, tut diesem Gefühl offenbar keinen Abbruch.

Spiel und Wirklichkeit

Faszinierend und unerklärlich bleibt die Tatsache, dass das Schaffen von Ordnung in Videospielen eine nahezu suchterzeugende Anziehungskraft ausübt, wohingegen dem Aufräumen der eigenen Wohnung in der Realität häufig eher die Rolle einer Übersprungshandlung zukommt. Ordnung in virtuellen Welten zu schaffen ist möglicherweise allein deshalb reizvoller, weil diese Ordnung von Dauer ist. Spielstände lassen sich speichern – der aufgeräumte Zustand der heimischen Küche leider nicht. Jenseits von zwangsneurotischen Aufbau- und Aufräum-Aktionen in Videospielen befindet sich die größte Chaos-Ordnung-Herausforderung somit nicht im virtuellen Raum, sondern in der knüppelharten Realität.

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