Journalière

Dahinzuschmelzen wird gemeinhin als etwas Gutes verstanden. Es suggeriert Rührung oder beschreibt den Moment, in dem ein Mensch jemandem oder etwas voll und ganz verfällt. Dabei ist die Vorstellung, tatsächlich zu schmelzen, eher unangenehm. Mit Journalière interpretiert Indie-Entwickler Mason Lindroth das Schmelzen neu – als einen Zustand der Selbstauflösung in einer Welt voller Wunder.

Journalière ist kein gewöhnliches Spiel und einmal mehr ließe sich an dieser Stelle vortrefflich darüber streiten, ob es überhaupt ein Spiel ist. Wieder einmal ist das eigentlich aber auch völlig egal. Das Flash-Programm steckt den Spieler in die Haut einer namenlosen Protagonistin, die in einer surrealen Welt erwacht, die sie selbst offenbar völlig normal findet. Nach und nach entdeckt der Spieler verschiedene Orte auf einer Weltkarte, die mit kleinen und großen Sensationen nur so durchsetzt ist. Plötzlich findet sich in einem Spielautomaten etwa ein Arcade-Sidescroller, der allein schon für rund 20 Minuten Beschäftigung bietet, an anderer Stelle trifft die Hauptfigur auf einen seltsamen Teleporter und in einem fantastisch anmutenden Haus treffen sich diverse Mitmenschen, die einfach nur Lust am Tanzen haben.

All diese Orte bereist die Protagonistin mit dem Auto, gesteuert nur über die Pfeiltasten der Tastatur. Es ist dieses Fahrzeug, das den Spieler immer wieder daran erinnert, dass er sich, trotz all der erlebten Absonderlichkeiten, immer noch in einem Abziehbild der Realität befindet. Journalière bedeutet soviel wie „täglich“ und die Hauptfigur erlebt ebendiese Alltäglichkeit, so seltsam sie auch wirken mag. Ein fremdartig wirkendes Teleportationssystem wird da schon einmal mit einem Schulterzucken kommentiert, wenn ein ganzes Haus tanzt, tanzt die Hauptfigur einfach mit. Nichts scheint sie mehr zu überraschen oder zu schockieren – abgebrüht vom Alltag wirken sämtliche Faszinosi auf sie wie Imbissbuden und Bushaltestellen.

Journalière entstand im Rahmen des No-Future-Entwicklerwettbewerbs, der sich, vereinfacht gesagt, mit düsteren Visionen von der Zukunft der Arbeit beschäftigt. Daher geht es auch in Journalière am Ende um die Arbeitswelt. Die Protagonistin kommt in einem typischen Meeting an, Geschäftsleute sitzen um einen Konferenztisch verteilt, sprechen teilweise offenbar über Dinge, die sie auf dem Weg dorthin erlebt haben und verschmelzen dann zu Matschbrei. In einer Welt, die alltägliche Wunder ignoriert und Gleichförmigkeit honoriert, ist das wohl so etwas wie trauriges Schicksal.

Mason Lindroth hat sich bei Journalière stark vom französischen Zeichner Jean Giraud inspirieren lassen, insbesondere von seinen Werken, die unter dem Pseudonym Möbius entstanden. Diesen Künstlernamen entlieh Giraud vom Mathematiker August Ferdinand Möbius, dessen Möbiusband eine Fläche erzeugt, in der Vorder- und Rückseite eine Einheit bilden. Als Möbius arbeitete Giraud stets sehr spontan mit Feder und Tusche, experimentierte mit neuen Erzähltechniken und lebte eine Neigung zum Fantastischen und zur Science-Fiction aus. Seine Werke haben häufig den Charakter von architektonischen Konstruktionszeichnungen, wirken so zwar fantastisch und fremdartig, verlieren aber nie ihren Bezug zur Realität. Darum geht es schließlich auch in Journalière: das Fantastische im Alltag, dem wir mit derart viel Ignoranz gegenübertreten, das wir es am Ende eigentlich beinahe verdienen, als schmelzender Haufen Gallertmasse zu enden.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>