Strip ‘em all

In Puzzlespielen wirken Geschichten häufig aufgesetzt. Sie bilden einen Rahmen, der die Rätsel zusammenhält, stehen jedoch nicht im Zentrum und können oft auch einfach ignoriert werden. Grund genug für die Indie-Entwickler Ola und Anders Hansson Puzzlespiele neu zu interpretieren. Das Ergebnis heißt Strip ‘em all – eine Serie von interaktiven Webcomics mit Rätseln, die auf den psychologischen Charakteristika ihrer Figuren beruhen.

Zunächst wirkt bei Strip ‘em all noch alles ganz simpel. Der Spieler muss die einzelnen Bilder eines kurzen Comicstrips in eine Reihenfolge bringen, die eine sinnvolle Geschichte ergibt. Behutsam erklärt ein kurzes Tutorial, wie das funktioniert, nur um kurz darauf alles viel komplexer zu machen. Denn es geht nicht nur um die bloße Reihenfolge der Bilder. Mit einem Klick auf bestimmte Personen oder Gegenstände kann der Spieler die Szenen manipulieren – aus einem Schöngeist wird plötzlich ein Zyniker, aus einem gut gebauten Trucker wird ein Bodybuilder mit Drogenproblem, aus einer Dose mit Zuckerpillen werden Antidepressiva. Teilweise verändert ein solcher Klick nur ein Bild, teilweise eine ganze Reihe, manchmal führt eine Veränderung auch zu einem kompletten Szenenwechsel.

Aufgabe des Spieler bleibt es jedoch, Ordnung in das Comic-Chaos zu bringen – und das geht nicht immer nur durch typisches Rätseldenken. Stattdessen gilt es zunächst, den Titel des Comicstrips genau zu analysieren. Welche Art von Charakter soll hier dargestellt werden und was macht einen solchen Charakter wirklich aus? Ignoriert der Spieler den Titel, kann er zwar teilweise durchaus sinnvolle Geschichten zusammenbasteln oder ihre Natur zumindest erahnen, er hat den Protagonisten dann jedoch nicht korrekt charakterisiert. Glücklicherweise offenbart ein Klick auf den Publish-Button immer wieder nützliche Hinweise und lenkt Spieler auf die richtige Spur. Zumindest bis zum dritten Comic. Dann wird plötzlich alles anders.

Denn im vierten Comicstrip steigt die Komplexität des Spiels plötzlich rasant an. Die Einflüsse der Bilder aufeinander sind stärker und weniger leicht zu durchschauen, Hinweise verbergen sich in den Bildern selbst und in einem Durchgang ist die erzählte Geschichte eigentlich weder zu lösen noch zu verstehen. Stattdessen muss der Spieler in mehreren Anläufen den Versuch unternehmen, Sinn in ein erzählerisches Chaos zu bringen, das eigentlich nur aus vier Bilder besteht, von dem aber derart viele (auch versteckte) Varianten existieren, dass es nicht einfach ist, den Überblick zu behalten. Strip ‘em all zeigt hier, was ein Webcomic wirklich zu leisten in der Lage ist – während der Spieler ein Rätsel löst, erzählt das Spiel seine Geschichte. Fehlschläge gehören dabei zum Lernprozess, sie sind aber auch erzählerisch wichtig. Nur durch sie versteht der Spieler wirklich, was vor sich geht. Strip ‘em all gleicht hier einem experimentellen Point’n'Click-Adventure, das erzählerisch Revolutionäres leistet – es verbindet Rätsel mit Geschichte und Lernprozess mit Storytelling absolut homogen. Spieler sollten jedoch schon gewillt sein, eine große Portion Geduld zu investieren, denn spätestens in jenem vierten Akt wird das Spiel äußerst anspruchsvoll.

Die Mühe lohnt sich jedoch nicht nur weil der Comiczeichners Daniel Ahlgren visuell hervorragende Arbeit geleistet hat, sondern auch aufgrund der herzzerreißenden Auflösung der Geschichte. Als Athletic Design haben Ola und Anders Hansson mit Strip ‘em all wirklich etwas außergewöhnliches geschaffen. Sie lassen Spieler an einer erst undurchsichtig und rau wirkenden Oberfläche einer Geschichte graben und grübeln bis sie schließlich die wahre Natur der Charaktere entdecken und so in der Lage sind, Sinn und Zusammenhang in die Comicstrips zu bringen. Die ersten vier Geschichten sind bereits erschienen und kostenlos im Browser spielbar, weitere sollen demnächst folgen.

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