Ynglet

Filzstifte gelten nicht unbedingt als populäre künstlerische Ausdrucksmittel. Stattdessen werden sie häufig mit kindlichen Bildern assoziiert, die stolze Mütter und Väter notgedrungen an Kühlschränke kleben. Oder sie dienen als zweckdienliches Werkzeug zur Beschriftung selbstgebrannter CDs. Stilistisch stehen die bunten Fasermaler dennoch im Zentrum vom Ynglet, einem feinen Indie-Geschicklichkeitsspiel von Sara Sandberg und Nicklas Nygren.

Nygren, der auch unter seinem Pseudonym Nifflas bekannt ist und vor allem durch seine Knytt-Spiele bescheidene Berühmtheit erlangte, stellt ein bakterienähnliches Wesen ins Zentrum des Spiels, das nur im Rahmen von herumschwebenden Quadraten oder Kreisen überleben kann, die herzallerliebst mit Filzstift-Ornamenten verziert sind. Der Spieler bewegt die Kreatur fort, indem er mit den Pfeiltasten von Form zu Form springt. Geht ein Sprung daneben und landet das Bakterium nicht zufällig in einem anderen Quadrat oder Kreis, fällt es aus dem Bildschirm und das Spiel beginnt von vorn. So bewegt sich der Spieler immer tendenziell von unten nach oben, wobei die verlangten Geschicklichkeitsübungen oben zwar anspruchsvoller, aber auch sicherer werden – schließlich befinden sich weiter unten noch andere sichere geometrische Formen, die als doppelter Boden dienen können. Ziel des Spiels ist das Aufsammeln von fünf Gegenständen, Nifflas nennt sie Seeds.

Die Anordnung der verschiedenen Formen erfolgt zwar nicht bei jedem Start neu – um visuelle Abwechslung in das Spiel zu bringen, verändern sich dafür jedoch die Filzstift-Verzierungen. Darüber hinaus liegt dem Spiel eine Physik zugrunde, die dafür sorgt, dass sich die Spielwelt mehr oder weniger von selbst wie zufällig verändert. Die verschiedenen Quadrate und Kreise rotieren, driften zusammen und auseinander, stoßen sich ab, ziehen sich an, wirbeln herum. Davon wird nicht nur ihre eigene Position im Raum, sondern auch die Sprungphysik der Spielerkreatur beeinflusst. Bisweilen bietet es sich daher an, vor einem riskanten Sprung einige Sekunden zu warten bis sich das Ziel in eine günstigere Position bewegt hat. Um an einen der begehrten Seeds zu gelangen, ist es schließlich nicht nur notwendig, selbigen zielgenau zu treffen, sondern auch einen sicheren Landeplatz einzuplanen.

Ynglet, dass im Rahmen des Indie-Entwicklertreffens No More Sweden entstand, bietet jedoch eine Spielerfahrung, die über bloße Geschicklichkeitsübungen noch hinausgeht. Je nachdem, wo sich das Bakterium gerade befindet, verändert sich sie sphärische Hintergrundmusik und der Spieler fragt sich unweigerlich, ob sich über dem aktuellen Aufenthaltsort noch weitere Formen befinden. Tatsächlich entsteht so trotz geringer Größe der Spielwelt eine gewisse Lust am Entdecken – stets begleitet vom Unwissen darüber, ob ein Ziel vom aktuellen Aufenthaltsort der Spielerkreatur überhaupt erreichbar ist. Die Folge sind jede Menge Versuche, von denen ein Großteil zwangsläufig scheitert. Frust kommt dennoch nicht auf. Bemerkenswert dabei ist nämlich die steile Lernkurve. Fällt die Navigation von Quadrat zu Quadrat am Anfang noch schwer, gelingen schon nach rund 15 Minuten die ersten Kunststückchen, die den Spieler stolz machen. Mindestens so stolz wie Eltern, die die Filzstiftmalereien ihrer Kinder aufhängen.

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